Krähenpost
Sonntag, 23. Juni 2019

Mastodon@social_work – Eine didaktische Fallstudie

Gerade ist mein Blockseminar beendet, ich sitze zurück im Zug nach Hannover, und da mehrere meiner Mastodon-Follower Interesse am Outcome des heutigen Tages gezeigt haben, hier mal meine ersten Eindrücke:

Vorgeschichte
Ich gebe dieses Jahr eine Lehrveranstaltung an der Universität Kassel. Thema: Medienerziehung - Medienkompetenz - Jugendmedienschutz: Grundlagen erfolgreicher Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Klingt sperrig? Ist sperrig! Und vor allem ist es viel zu viel für eine einzige Veranstaltung. Für die Studierenden der Sozialen Arbeit, die dieses Fach belegen können, wird allerdings im Bereich Medien oder IT nicht superviel angeboten und daher dachte ich: Wenn schon Orchideenfach, dann aber gleich ein Riesenstrauß Orchideen. Mit Schlagsahne obendrauf und gut umrühren.

An dieser Stelle kommt vielleicht auch schon die erste Enttäuschung für einige Leser_innen: Es geht hier ziemlich wenig um Technik. Und ziemlich viel um dieses Soziale und um die Zielgruppe Jugendliche. Natürlich muss man, um Mastodon und das Fediverse zu verstehen, auch ein wenig in die Technik eintauchen, nur bringt’s halt nix, wenn man in die Tiefen von ActivityPub, Linux-Server-Admin oder Ruby einsteigt und die Studierenden verfluchen die verf*e Verschwendung ihres Samstags. Dachte ich zumindest.

Die Blockveranstaltung Mastodon war die vorletzte Sitzung meines Seminars. Vorher hatten wir uns bereits mit aktuellen Mediennutzungsmustern von Kindern und Jugendlichen beschäftigt, mit Chancen und Risiken dieser Mediennutzung, mit dem gesetzlichen Jugendmedienschutz (und warum der eher so mittel bis gar nicht funktioniert), mit Entwicklungsvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen bei der Mediennutzung, (Lest ihr noch mit? Ist gleich vorbei, versprochen), mit Medienkompetenz und Medienerziehung (Kurzfassung: Medienkompetenz ist das, was alle toll finden, aber keiner hinkriegt, Medienerziehung ist das, was wirklich hilft, wofür Eltern, Lehrer_innen und Erzieher_innen aber nie Zeit oder Nerven haben). Wir haben Beispiele gelungener Medienarbeit vorgestellt, über die Messbarkeit und Evaluation guter Medienarbeit gesprochen sowie über Medienethik. Puh. Da kommen wir also her. Viel akademisches Zeug. Jetzt galt es, dies geballte Wissen irgendwie auch mal anzuwenden. Also: Mastodon. Das Ziel: Wir hosten unsere eigene Mastodon-Instanz für Jugendliche. Mit eigenen Regeln und eigener Moderation.

Die eigene Instanz
Für viele Leser_innen ist es wahrscheinlich ein träger Fingerschnips, und schwupps habt ihr eure eigene Mastodon-Instanz installiert. Für mich ist das schon kurz vor der Grenze meiner Linux-Admin-Fähigkeiten. Und die meisten meiner Studies sagen: sudo -what?!! Zum Glück gibt es masto.host von Hugo Gameiro. Dort kann man sich für 7 Eurolein im Monat eine eigene Instanz unter dem Namen denkdirwasaus.masto.host einrichten (lassen). Das geht wirklich mit ein paar Mausklicks und die einzige kognitive Leistung, die man zeigen muss, ist die Auswahl des Namens der Instanz. Ich hab Hugo noch kurz vorher eine Nachricht geschickt, ob für ihn okay sei, diesen Server einzurichten, der u. U. schon in ein paar Wochen wieder gelöscht wird. Nach 5 Minuten kam zurück: „Kein Problem, Alter, ist alles automatisiert und kaum Arbeit, viel Spaß!“ Wir hatten unsere eigene Instanz in weniger als 10 Minuten.

Big day (heute)
Ich hab zwar früher irgendwann mal in Medien- und Kommunikationswissenschaft promoviert, aber den besseren Teil meines beruflichen Lebens hab ich IT-Entwickler_innen gesagt, wie sie ihre Arbeit machen müssen. Auch wenn (oder weil) ich selbst nicht coden kann. Der Euphemismus dafür heißt Scrum-Master und meine Unfähigkeit, Prozesse verlässlich zu organisieren, ist in Wirklichkeit eine Stärke. Nämlich. Ich nenne es agil. Umso überraschender, dass ich einen Plan hatte, wie wir im Seminar diese Mastodon-Sache angehen. Und weil ich, wie oben ausgeführt, aus dieser agilen Methodologie komme, hab ich den Tag in Stand-up, Sprint-Plannings, Minisprints und Demos organisiert. Hier also der Plan

  1. 10:15 – 10:30 - Standup: Begrüßung - Vorstellung des Plans - Zeitplanung
  2. 10:30 - 11:00 - Minisprint: Getting acquired: Setup your Mastodon profile
  3. 11:00 – 11:15 – Demo: Erste Eindrücke , Probleme, Fragen

  4. TOP 4 - 11:15 – 11:25 – Sprint Planning: Einteilung in 3 Gruppen mit folgenden Epics:
    Gruppe 1: Recherche: Was ist Mastodon?
    Gruppe 2: Formulierung des Mission statements unserer Instanz
    Gruppe 3: Exploring possibilities: Moderation auf Mastodon

  5. TOP 5 - 11:25 – 12:00 - Uhr: Minisprint in den 3 Gruppen
  6. TOP 6 – 12:00 – 12:20 - Demo: Vorstellung der Gruppenergebnisse

  7. 12:20 – 12:50 - Lunch break

  8. 12:50 – 13:00 – Sprint Planning: Einteilung in 3 Gruppen mit folgenden Epics:
    Gruppe 1: Recherche - The „Will Wheaton Incident”
    Gruppe 2: Recherche - Federation in struggle: Gab, Free speech and WTF?
    Gruppe 3: Sinnvolle Server-Standardeinstellungen und Nutzer-Instruktionen in einer Mastodon-Instanz für Jugendliche

  9. 13:00 – 13:30 - Minisprint in den 3 Gruppen
  10. 13:30 - 14:00 - Demo: Vorstellung der Zwischenergebnisse

  11. 14:00 – 14:10 – Sprint Planning: Einteilung in 3 Gruppen (plus eine Geheimgruppe 4) mit folgenden Epics:
    Gruppe 1: Welcome, but… - Formulierung einer Server-Beschreibung und Kurzbeschreibung
    Gruppe 2: Formulierung der erweiteren Serverbeschreibung und der Terms of use
    Gruppe 3: Festlegen der Moderations-Standards
    Gruppe 4 (Werwölfe von Düsterwald): Vorbereitung Problematischer Posts (siehe TOP14)

  12. 14:10 - 14:40 – Minisprint in den 3 Gruppen
  13. 14:40 – 15:10 – Demo: Vorstellung der Zwischenergebnisse von Gruppe 1-3

  14. 15:10 – 15:30 - Dry run: Die Gruppe wird aufgeteilt in ein 3-4-köpfiges Moderationsteam und den Rest der Gruppe. Letztere posten Posts, folgen sich und machen Social-Media-Dinge im Rahmen des in TOP4 formulierten Mission Statements. Teil beider Gruppen können allerdings Werwölfe sein. Die werden irgendwann nach TOP 11 von mir via Mastodon per Direktnachricht und dem Inhalt „Werwolf“ angeschrieben. Ab diesem Zeitpunkt fangen sie an, unangemessene Dinge zu posten oder sich sozial mehr ode weniger auffäliig (in negativer Weise) zu verhalten. Außerdem bekommen sie noch kurze Instruktionen wie z. B. „Immer ganz haarscharf an der Grenze zum Zulässigen formulieren“ oder „Tilde-Mode!“ oder ähnliches. Das Moderationsteam muss im Rahmen der vorher selbst festgelegten Regeln die Beschwerden der „normalen“ Nutzer bearbeiten, ggflls. verwarnen, muten, löschen oder bannen.

  15. 15:30 – 15:45 – Demo: Diskussion der Moderationsergebnisse
  16. 15:45 – 16:00: Abschlussdiskussion

Die Realität
Die Realität war gnädig. Bis Top 10 lief alles recht knorke. Es gab beim Einrichten der Profile vereinzelte Probleme mit den E-Mail-Bestätigungen. Ein Studierender hat mein echtes Mastodon-Profil identifiziert und sich beschwert, Teil eines sozialen Experimentes zu sein (ich hatte unter @kraehenpost@mastodon.social im Vorfeld ja über mein Vorhaben berichtet). Okay, eigentlich hat er sich nicht so richtig beschwert, mehr so „HAHA! Ich weiß wer Du bei mastodon.social bist!“

Aber es gab auch deutliche Abweichungen von meinem Plan. Die technischen und organisatorischen Details von Mastodon und Fediverse waren für die Studies deutlich schwerer herauszuarbeiten, als ich gedacht hatte. Die dafür eingeplante halbe Stunde ad-hoc-Recherche reichte natürlich eh nicht (das war auch nicht geplant, ich wollte eigentlich nur erreichen, dass ein gewisses Grundgefühl dafür entsteht, was das Fediverse von Social-Networks wie Twitter und Facebook unterscheided). Aber ich hatte den Eindruck, dass die Differenz zwischen Fediverse und Twitter/Facebook/Instagram für viele der Studierenden nicht sonderlich relevant zu sein schien. Ich halte das für eine ziemlich wichtige Erkenntnis, dass kluge, technisch und technologiepolitisch aber nicht besonders vorgebildete Leute letztlich nur ein Produkt sehen ("Okay, Mastodon sieht doch ziemlich ähnlich aus wie Twitter, wenn man das helle Layout wählt"), und dass die organisatorischen Unterschiede, die vielen kleinen anders getroffenen Entscheidungen auf Produktebene, der dezentrale und eher gemeinschaftliche Ansatz dahinter sehr gut erklärt werden müssen, um überhaupt als relevant wahrgenommen zu werden.

Für TOP 8 und TOP 9 haben wir schließlich viel mehr Zeit benötigt, als geplant. Diese Will-Wheaton-Sache wurde ziemlich intensiv diskutiert (wenn ihr nicht wisst, worum es da geht, werft mal die datenschutzfreundliche Suchmaschine Eurer Wahl an und lest euch ein). Und natürlich wurde ich gefragt: Wie war es denn nun wirklich? Wer hat sich denn jetzt falsch/ungeschickt verhalten? Tja, Leute, weiß ich nicht. (Genauer gesagt: Ich hab da schon eine Meinung, aber die ist nicht besser oder schlechter als eure eigene. Und eine objektive Wahrheit gibt es in dem Fall nicht, sondern nur verschiedene Perspektiven).

Bei diesem ganzen Gab-Nazi-Kram gab es dagegen ziemlich klar den Konsens, dass Nazis eben scheiße sind, dass Nazi-Free-Speech genauso scheiße (und in D. in vielen Fällen eine Straftat) ist. Blocken also kein Problem, eher fraglich, ob man als Instanz in D. überhaupt die Wahl hat, sowas wirklich NICHT zu blocken. Dennoch: Wir hatten letztlich nicht mehr Zeit genug, um TOP 11 – 13 so richtig zu schaffen und haben den Dry run (TOP14) dann ohne ganz festes Regelwerk durchgezogen. Die Werwölfe hab ich On-the-Fly nominiert und sie haben einen guten Job gemacht. Das Moderationsteam allerdings auch. Sie haben ziemlich konsistent Werwolf-Inhalte verwarnt, gemutet und gebannt.
Ganz interessant fand ich die Ergebnisse der Gruppe 3 in Top 8, als es darum ging, sinnvolle Server-Standardeinstellungen und Nutzer-Instruktionen in einer Mastodon-Instanz für Jugendliche zu formulieren. Die Studierenden war dort teilweise deutlich retriktiver und regulativer als ich.

Mein persönliches Fazit
In der Abschlussrunde waren die Studierenden ganz zufrieden mit dem Tag. Sie hätten allerdings gerne deutlich mehr Zeit gehabt, um die Feinheiten des Fediverse genauer zu verstehen. Und ich hab mir vorgenommen, sollte ich noch mal eine ähnliche Veranstaltung planen, doppelt so viel Zeit einzuplanen und neben den (für meine Zielgruppe natürlich auch wichtigen) sozialen Aspekten des Fediverse auch die damit verbundenen technischen Feinheiten deutlich intensiver zu bearbeiten. Vielleicht ist das tatsächlich der Schlüssel zum Verständnis des Potentials dezentraler Netzwerke: Dass es Rückkopplungen zwischen Technologie und Gesellschaft, Code und Usern gibt, die nicht beliebig sind. Dass die Art, wie wir soziale Technologien entwickeln und fördern, sehr relevante Wirkungen auf die Gesellschaft hat.

Montag, 8. April 2019

Der, der nach oben zeigt

Letzte Woche beim Laufen kam mir ein Gedanke. Es war schon später Vormittag, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit hatte ich es an diesem Montag nicht geschafft, um 6:00 Uhr aufzustehen und meinen Lauf zu absolvieren.

Jetzt war es bereits nach 10:00 Uhr. Es war ungewöhnlich warm, nur ein paar weiße Wölkchen waren zu sehen und die Sonne schien hell am Himmel. Ich lief sehr gleichmäßig, der Boden unter mir schien wie eine riesige Kugel unter mir hinwegzurollen. Mir schien, als könne ich ewig so weiter laufen, als könnte ich am Horizont bereits die Rundung der Erde erkennen und könne ohne jegliche Probleme bis dahin und bis in alle Ewigkeit weiterrennen, nur immer weiter...

Dann kam mir der Gedanke, wie es wohl sei, mich selbst zu beobachten, von ganz weit oben. Wie es wohl sei, die Menschen und mich selbst wie kleine Punkte von oben aus dem Weltall zu sehen, wie sie ameisengleich ihre täglichen Arbeiten verrichteten.

Wie würde es wohl sein?

Würde es traurig erscheinen oder mitleiderregend? Welcher dieser Punkte, so fragte ich mich, würde wohl meine Aufmerksamkeit erregen? Und ich musste sehr schnell eine Antwort. Es wäre der Punkt, der zu einem anderen ginge und mit seinen unendlich kleinen Fingern auf den Himmel, auf mich zeigen würde, so als wolle er seinem Nachbarn zeigen wollen, dass da noch mehr ist als das tägliche Tun. Es wäre dieser Punkt, den ich näher betrachten, den ich kennenlernen wollte. Es wäre dieser Punkt, der ich selber sein wollte.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Kaputt

Die Sache mit dem ganz oben Wohnen ist ja, dass man, wenn das Dach kaputt ist, die Scheiße sofort auf den Kopf kriegt. Das ist jetzt nicht so die riesengroße Weisheit, aber ihr könnt das vielleicht trotzdem irgendwo speichern. Nur für den Fall, dass ihr irgendwann mal ganz oben in einem okayen Altbau wohnt und ihr wegen Leben und Zufall und Kindern etc. plötzlich die Wohnung gekauft habt. Endlich ganz oben, werdet Ihr dann vielleicht denken, weit weg vom Straßenlärm und nicht wie früher so sandwichmäßig im zweiten OG von vieren (was zwar wegen Isolierung etc. knorke ist aber sonst eher so mitteltoll). Und dann wundert Ihr Euch eines Abends in Eurem niedrigzinsfinanzierten Gefühlspenthouse, dass der Regen von innen die Tapete runterläuft. Dies ist der Moment, in dem Ihr Euch meine Stimme vorstellen dürft, die Euch ein feuchtes "I-told-you-so" ins Ohr haucht.

Bei mir war es letzte Woche soweit und ich hab jetzt jede Menge Bullshitbingodaten über Innenraumtrocknung, Gebäudeversicherungspolicen und die fein abgestuften Inkompetenzen verschiedener Handwerksprofessionen im Kopf. Wenn’s Euch nämlich in die Bude regnet, habt ihr bald viele lustige Gespräche mit Dachdeckern, Trocknungsfirmen, Stuckateuren, Versicherungstypen und Hausverwaltern vor der Brust. Und wirklich jeder von denen hat eine ziemlich exklusive Vorstellung davon, was jetzt von wem in welcher Reihenfolge und Geschwindigkeit und zu welchem Preis zu tun ist („Möglichst schnell, sonst wird der Schaden immer höher und dann, UND DANN! Uiuiui...“). Und jeder Einzelne von denen kann, klaro, erst ganz zum Schluss mit seiner Arbeit anfangen. Und zwar nur dann, wenn vorher sieben andere Typen die Gewerke A-F fachgerecht abgeliefert haben. Selbst wenn: Schwierig! Wegen Terminplan und Urlaub und Wetter und so.

Es nervt. So richtig.

Jetzt hab ich aber Glück im Unglück, isso, weil eine gewisse parallel stattfindende Problematik dem Wasserschaden eine neue Perspektive gibt. Einen Tag nach der ersten Liebkosung meiner Stirn durch einen von der Decke fallenden Wassertropfen rief nämlich mein Papa an und sagte, dass er seit heute Blutkrebs hat. Und das Krasse ist, dass er sich seitdem genau wie ich mit diesen ganzen unterschiedlichen Expertenexperten rumschlagen muss, die alle nur ihren Spezialistenspezialbereich im Kopf haben und es irgendwie nicht hinkriegen, den Kram selbständig zu koordinieren. Natürlich gibt es Unterschiede. Der größte ist wohl, dass im Gegensatz zum Wasserschaden die Versicherungstypen bei Krebs nicht groß wegen Kostenvoranschlägen rumnerven. Papa ist zwar privatversichert und hat die Versicherungsvögel wegen Nierentransplantation und Herzscheiße schon echt 'ne richtige Stange Geld gekostet. So richtig, richtig viel! Einfamilienhausrichtigviel. Aber bei akuter Leukämie kannst Du ja schlecht sagen „Pustekuchen, das zahlen wir Ihnen nicht, da hätten Sie erst mal Formblatt 13d wegen Kostenübernahmeantragsbestätigung ausfüllen müssen.“ Ich meine, man KÖNNTE das natürlich schon sagen, aber das ist eher dumm wegen Internet und so. Weil diese ganzen verkackten Verzweifelten so Formblattscans zusammen mit ihren Chemo-Glatzenfotos (Hashtag: #danke-fuer-nix-barmenia) vertwittern könnten und damit rumsdiebums in den Trending Tweets landen. Also sagt man in so einem Fall als Versicherung eher mal „Ja und Amen und alles Gute!“

Bei meinem Papa ist die Chemo sogar ziemlich billig. Weil er wegen seiner transplantierten Niere und der ganzen anderen Scheiße keine superteure echte Chemo kriegen kann, sondern nur die Waldorfschulvariante mit ohne Haarausfall und einer offiziellen Nutzenbewertung von „wahrscheinlich bisschen wirksamer als Gin Tonic“. Ich nenne sowas doppeltes Glück im Unglück (wegen nicht nervender Versicherung und Chemo light) und Papa ist es eigentlich egal, weil er derzeit mit so Kram wie Pastor-noch-mal-vorher-kennenlernen und Testament-updaten beschäftigt ist.

Apropos Chemo light: Die Behandlung meines Wasserschadens ist da deutlich weniger ich-tanze-meinen-Namen-mäßig. Im Wohnzimmer stehen zwei fette, gelbe Geräte aufeinander gestapelt, die mit einem Höllenlärm und zwar für mehrere Wochen um die Wette saugen und blasen. Wie viele Wochen es genau sein werden, kann mir auch der Trocknungsfirmamensch nicht sagen („Is ja immer unterschiedlich wegen unterschiedliche Wände und Himmelsrichtungen und Wetter und ob die Dachdecker das inzwischen geflickt haben, aber das hab ich ja gleich gesagt, dass die da ganz fix bei müssen…“). Und das ist wiederum ganz interessant, weil auch in Papas Fall die Zeitplanung, egal mit wem er spricht, immer eher vage bleibt. Der Nephrologe (Nierendoc) steht eh nur schulterzuckend daneben, weil sich gerade überhaupt niemand mehr um seine schöne Niere kümmert. Der Onkologe (Krebsdoc) ist von Berufswegen resigniert, weil er eh schon alles gesehen hat und überhaupt nix mehr verspricht. Der Hämatologe (Blutdoc) ist, glaub ich, ganz froh, dass er endlich mal keinen krebsigen Teenager behandeln muss, sondern einen Siebzigjährigen, der immerhin schon was vom Leben gehabt hat. Er sagt nur: „Wir müssen jetzt von Woche zu Woche denken." Und auch die Hausärztin denkt nur ein klitzekleines bisschen weiter, nämlich von Quartal zu Quartal. Inhaltlich kommt sie, seitdem das Stichwort AML im Arztbrief des Kollegen stand, eh nicht mehr mit…

Es ist zum Heulen, ganz im Ernst.

Ihr fragt natürlich völlig zurecht, wie ich fucking Arschloch dazu komme, meinen Pillepalle-Dachschaden mit dem Scheißtodesurteil-Krebs meines Papas zu vergleichen. Aber ich frag mal zurück: Was habt Ihr denn so für kluge Ideen? Einige von Euch haben so eine Scheiße garantiert schon erlebt und ihr wisst, dass es nicht so richtig coole Patentrezepte dafür gibt, mit dem Sterben des besten Menschen auf der Welt umzugehen. Und denen, die die Scheiße noch vor sich haben, sage ich völlig ironiefrei: Ganz viel Kraft und alles Gute. Und wenn ihr dann heulend neben zwei kreischenden Saugbläsern sitzt und alles um Euch herum gerade zusammenbricht, dann stellt Euch mein gebrülltes Flüstern vor: „I told you so."

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